Die schönen Seiten der Hochsensibilität (2)

Die Gegenwärtigkeit einer Hummel

In Berlin bin ich fast ausschließlich mit dem Fahrrad unterwegs und das häufig unter Lebensgefahr. Verkehrsschilder und Ampeln dienen den Autofahrern hier eher als Vorschlag denn als Regel. Aber ich brauche die frische Luft und die Bewegung, beides reduziert meinen Stresspegel. Beim Fahrradfahren ordnen sich meine Gedanken und ich kann mich nach meiner Arbeit entspannen.

Dabei ist für mich das Besondere die vielen Blütendüfte riechen zu können, das üppige Grün der Bäume zu sehen und die Atmosphäre meiner Umgebung wahrzunehmen. Und Wahrnehmung ist das Hauptthema von hochsensiblen Menschen.

Gestern, auf meinem Nachhause-Weg, lief mir plötzlich diese riesige Hummel auf der Strasse vor mein Fahrrad. Hummeln, das musste ich vor ein paar Jahren bitter feststellen, sind auf Fußwegen und Fahrbahnen außerordentlich gefährdet. Denn eine Hummel gleicht einem Wunder: aerodynamischen Gesetzen zur Folge sollte es der Hummel nicht möglich sein zu Fliegen. Ihr Körper ist eigentlich zu groß und zu schwer im Verhältnis zu ihren zarten Flügeln. Und trotzdem fliegt die Hummel, etwas ungelenkt zugegeben und mit so einem putzigen Geräusch. Ich liebe Hummeln, im englischen heißen sie „bumblebee“ – was für ein schöner Name! Sie sind so schön pelzig, irgendwie gemütlich, haben hübsche Kleider und so ein freundliches Wesen. Nebenbei sorgen sie für die Fortpflanzung der Flora auf unserem Planeten. Sie könnten den Storch als Sinnbild ablösen.

Auf jeden Fall sah ich vor ein paar Jahren eine Hummel auf dem Gehweg und überlegte sie ins Gras zu setzen. Damals dachte ich, die sucht sich schon ihren eigenen Weg und fliegt weg. Als ich zurückkam war sie tot – einfach platt getreten, das war dramatisch. Daraufhin fand ich heraus, dass Hummeln auf Grund ihrer physischen Konstitution eine Erhöhung brauchen, von der aus sie in die Lüfte starten können. Vom Boden aus sind sie nicht in der Lage abzuheben. Seitdem achte ich besonders auf diese schönen Insekten und nehme dafür gern genervte Gesichter in Kauf, wenn ich mit meinem Fahrrad auf dem Weg stehen bleibe um schnell die Hummel auf ein Blatt Papier (das Glück einer großen Handtasche) zu befördern, um sie an einem grüneren Ort wieder sicher abzusetzen. Häufig entscheiden sie sich auch einfach davonzufliegen.

Ich setze nicht nur Hummeln an sicheren und grünen Orten ab, auch Marienkäfer, Bienen, Regenwürmer, Schnecken, Käfer die ich nicht kenne und Falter (die sich in meine Wohnung verirrt haben) werden wahrgenommen und abgesetzt. Und das genieße ich besonders an meiner eigenen Hochsensibilität: das ich selbst auf meinem alten Holland-Rad sitzend noch diese winzigen Tiere während der Fahrt wahrnehmen kann.

Die Schönheit und Vielfalt im Alltag wahrzunehmen bedeutet ein besonderes Glück für mich. Irgendwie schaffen es diese Tiere auf sich aufmerksam zu machen. Man muss also nicht immer laut und groß sein, denn so präsent ist mitunter eine Hummel!

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