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Kann eine Methode dein Leben verändern?

von Lore Sülwald

Vom Überschätzen der Methode und Unterschätzen der Übung

 

Wenn es darum geht, Ziele zu erreichen, sind wir oft sehr ungeduldig. Ziele stehen für Veränderungen, und frei nach dem Motto „Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung“ denken viele: Sobald ich mein Ziel erkannt habe, sollte ich es auch erreichen. Das gilt ganz besonders im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung.

 

Wie oft wurde ich in Workshops von den Teilnehmenden gefragt: Bekommen wir denn noch eine Methode, um dieses oder jenes zu erreichen?

 

Dabei besteht die Kunst nicht darin, die eine richtige Methode zu finden, sondern eine Methode geduldig und diszipliniert jeden Tag anzuwenden. Sich selbst immer wieder zu reflektieren und die Veränderungen wahrzunehmen. Erfolge und unerwartete Erkenntnisse gehören ebenso dazu wie Rückschritte, Frustration und Stagnation. Wie beim Erlernen einer neuen Sportart ist regelmäßiges Training unerlässlich, und zwar über einen langen Zeitraum.

Veränderung und persönliches Wachstum durch Coaching für hochsensible Menschen
Foto von Chevanon Photography von Pexels

Mit Training zum Erfolg

 

Seminare und Workshops zu bestimmten Themen sind vergleichbar mit einem Sportcamp: Sie sind sehr intensiv und bieten Raum für große Lernerfolge. Ohne regelmäßiges Training können sie jedoch zu Muskelkater und Frustration führen. Beim Sport ist uns bewusst, dass wir Muskelkater bekommen, wenn wir von null auf hundert trainieren, oder dass es womöglich kontraproduktiv sein könnte, die eigenen Grenzen zu überschreiten. Dass ein Wochenendkurs sicherlich ein guter Auftakt sein kann, danach aber weiter trainiert werden muss, um fit zu bleiben und sich zu verbessern.

 

Und in der Persönlichkeitsentwicklung ist das ganz genauso. Wir brauchen im Alltag immer wieder Zeit, in der wir bewusst Methoden anwenden und üben, um zum Beispiel andere Gedanken oder Gefühle über uns selbst zu kultivieren und bestimmte Handlungen zu verändern.

 

Dazu gebe ich gern ein Beispiel: Für mich als hochsensible Frau ist das Thema Grenzen immer sehr präsent gewesen. Mich von den Emotionen anderer Menschen nicht vereinnahmen zu lassen, fiel mir schwer. Ich habe also ein Jahr lang jeden Tag eine Imagination trainiert, um mich von den Emotionen anderer Menschen besser abzugrenzen. Danach hat sich etwas nachhaltig für mich verändert und ich konnte das Training deutlich reduzieren. Mittlerweile kann ich bei Bedarf auf bestimmte Übungen sehr schnell und leicht zurückgreifen, und insgesamt ist das Thema für mich in den Hintergrund gerückt. Die Methoden sind so sehr integriert, dass ich sie, außer in Ausnahmefällen, nicht mehr bewusst üben muss.

 

In meinem Fall hatte ich analysiert, dass das Thema emotionale Grenzen der Hauptstressor an meinem damaligen Arbeitsplatz war. Durch die täglichen Übungen konnte ich diesen Stress am Arbeitsplatz zu 90 % reduzieren und mein Verhalten verändern.

 

Der Weg zum Ziel: Beispiel Stressreduktion

Selbstwirksamkeit und Selbstwert durch persönliche Begleitung im Coaching für hochsensible Menschen
Foto von Alex Azabache von Pexels

1. Bestandsaufnahme:

  • Analyse der Stressoren: Was stresst mich?
  • Warum stresst mich das?
  • Kann ich selbst etwas tun, um die Situation zu verändern?
  • Wenn ja: Was kann ich konkret tun? Welche Methode unterstützt mich dabei?

 

2. Durchführung:

  • Üben von Methoden: z.B. Praktizieren von Achtsamkeit.
  • Neue Handlungen üben.

 

3. Reflexion und Evaluation:

  • Was kann ich wann umsetzen?
  • Funktionieren die Methoden, die mir zur Verfügung stehen?
  • Wie reagiert mein Umfeld darauf?
  • Was konnte ich verändern?
  • Womit möchte ich weitermachen?

 

4. Zurück zu Punkt 2 – üben, üben, üben …

 

 

Und nachdem ich mich mit einem Thema intensiv auseinandergesetzt habe, kann ich ein weiteres dazuholen.

 

Einige Themen begleiten uns jahrzehntelang. Sie können zwischenzeitlich abtauchen, dann bilden wir uns ein, sie hätten sich erledigt, bis sie plötzlich wieder auftauchen und uns daran erinnern, dass wir hier wieder trainieren sollten.


Der Weg ist das Ziel

 

Die meisten Menschen unterschätzen die Übung und überschätzen die Methode. Eine Methode kann dein Leben verändern, wenn du sie täglich übst. Hundert Methoden machen hingegen keinen Unterschied, wenn du sie nur sammelst, aber nicht anwendest.

 

Ich werde häufig gefragt, welche Methoden ich hochsensiblen Menschen empfehlen könne. Es gibt unzählige, die alle ihre Berechtigung haben, da sie Menschen unterstützen und ihnen helfen können. Die passende Methode für sich zu finden, ist auch wichtig. Die Entscheidung für oder gegen eine Methode ist allerdings davon abhängig, welcher Lerntyp ich bin.

 

Ich persönlich liebe alle Arten von Imagination. Ich habe eine sehr bildliche Vorstellungskraft, die mir immer und überall zur Verfügung steht. Ich kann mich jederzeit an jeden Ort der Welt imaginieren. Wenn ich Geschichten höre, sehe ich vor meinem inneren Auge sofort einen Film. Dadurch lerne ich und merke mir Geschichten.

 

Andere Menschen müssen sich bewegen, Dinge erleben oder anfassen. Für diese Menschen eignen sich Körperübungen besonders gut, vielleicht auch in Kombination mit Gesang oder anderen Formen des kreativen Ausdrucks. Diese Menschen empfinden auch Basteln oder Malen als sehr kraftvoll.

 

Sehr kognitiv veranlagte Menschen wiederum brauchen Analysetools und Schemata, um Themen zu erfassen und zu begreifen. Sie benötigen einen klaren Fahrplan und Handlungsanweisungen, die sie übersetzen und im Alltag umsetzen können.

 

Für andere ist die Sprache das entscheidende Ausdrucksmittel. Sie generieren Erkenntnisse, während sie sprechen. Einfach nur dazusitzen und in sich zu gehen wäre bei ihnen kontraproduktiv; sie brauchen die sprachliche Interaktion mit anderen. Diese Menschen sind auch bei Veränderungsprozessen im Alltag auf den Austausch mit anderen und auf Spiegelung angewiesen. Oder sie schreiben sehr gern und kreative Schreibmethoden sind ihr Schlüssel zu Reflexion und Erkenntnisgewinn.

 

Aus diesem Grund ist die Bestandsaufnahme bei Veränderungsprozessen so wichtig. Denn hier kristallisiert sich heraus: Welcher Typ bin ich? Mit welchem Thema, zum Beispiel in Bezug auf Stress, muss ich mich genauer befassen? Und welche Übung, welche Methode wäre in meiner jetzigen Lebenssituation besonders unterstützend?

 

 

Methoden für Selbstmanagement und Reduzierung von Stress im Kontext von Hochsensibilität
Foto von Monstera von Pexels

Für verschiedene Themen und Situationen unterschiedliche Methoden zur Verfügung zu haben ist großartig.

 

Je mehr unterschiedliche Methoden wir regelmäßig und langfristig praktizieren, desto kreativer und schneller können wir uns im Alltag selbst helfen und stärken.

 

Besonders für hochsensible Menschen, die nachhaltig Stress reduzieren wollen, gilt: Übung, Übung, Übung.

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